Kunstprogramm Eastsite

 

 

Von Anfang an wurde beim Projekt Eastsite zusammen mit verschiedenen Künstlern versucht, den architektonischen Raum durch eine Neuinterpretation von künstlerischer Bildsymbolik neu auszuloten. Im Sinne einer öffentlichen Partizipation lag die Konzentration der Zusammenarbeit in erster Linie auf den städtebaulich wirksamen architektonischen Elementen. Das Medium der Arbeiten ist jeweils ein vorgefertigtes Betonsandwichelement.
Künstlerische Bildsymbole, organisch integriert in das Gesamtsystem Gebäude, gehören zu den ältesten Gestaltungsthemen der Architekturgeschichte. Integriert bedeutet, dass sich ein untrennbarer Bedeutungszusammenhang zwischen dem Kunstwerk mit eigener Bedeutungsträgerschaft und dem Gebäude und seiner Funktion ergibt. Über alle Epochen der Baugeschichte, von der Antike bis in die Gegenwart und trotz sehr unterschiedlicher Formen des Ausdrucks, hatte die Symbiose des architektonischen Bildwerks maßgebende Bedeutung. Die Gegenwart verzeichnet den nahezu vollständigen Verlust des Sinnzusammenhangs, erstmals thematisiert im Aufsatz »Ornament und Verbrechen« von Adolf Loos. In der folgenden frühen Moderne wird der Baukörper erstmals selbst zum Kunstobjekt, der ausschließlich seine Konzeption ausdrückt. Bildende Kunst (»Kunst am Bau«) ergänzt
das Bauwerk, der organische Sinnzusammenhang geht in der Konkurrenz verloren. Das Ornament ist nicht mehr eigenständiges Kunstwerk, sondern wird grafisches oder materialbezogenes Gestaltungsmittel zur Schaffung eines expressiven architektonischen.
Seit 1998 wurde beim Projekt Eastsite versucht, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern den Raum für eine Neuinterpretation des Themas neu auszuloten. Im Sinne einer öffentlichen Partizipation lag die Konzentration der Zusammenarbeit in erster Linie auf den städtebaulich wirksamen architektonischen Elementen. Das Medium der Arbeiten ist jeweils ein vorgefertigtes Betonsandwichelement. Das Bauteil hat neben seiner Funktion als Außenhaut des Gebäudes tragenden Charakter. Die Vorfertigung der Elemente erforderte eine frühe und vollständige Integration des Künstlers in den Planungs- und Bauprozess. Gemeinsam mit Architekten, Fachplanern und ausführenden Firmen wurden technische, terminliche und materielle Widrigkeiten in enger Abstimmung integrativ gelöst. Dieser integrale Prozess erforderte von allen Beteiligten das Sicheindenken und Mitwirken in den jeweiligen fachfremden Bereichen – das Ergebnis wird von allen Beteiligten als gemeinsames Gesamtwerk verstanden, als Experiment im Schnittstellenbereich zwischen Kunst und Architektur.

»Es steht geschrieben« – Kanzlei Rittershaus
Beim darauf folgenden Gebäude »Kanzlei Rittershaus« wurde der Ansatz des »integralen« Kunstwerkes in der Zusammenarbeit mit Andreas von Weizsäcker weiter verfolgt. Die als Reliefband konzipierte Arbeit »Es steht geschrieben« wird zum Träger der Idee des Gebäudes, zum Symbol für das Selbstverständnis der Nutzung sowie zum Medium seiner Typologie und visualisiert diese Inhalte in den Außenraum. Kunst und Architektur drücken denselben Inhalt – das Selbstverständnis der Nutzung (das gedruckte Wissen als das Zentrum der stattfindenden Arbeitsprozesse) – durch ihre jeweils eigenen Mittel aus. Der Bücherfries (in Proportion, Anordnung und Ausformung den verwandten Arbeiten klassizistischer Bauwerke ähnlich) wird zum Medium und spiegelt die architektonische Konzeption.

»Quelle vernetzt« – MeKo
Die Fassade des Hauses ist Träger der Arbeit »Quelle vernetzt« von Margret Eicher. 6,4 m hohe Frauenfiguren in Fotobetontechnik haben allegorische und symbolische Bedeutungen für das Haus. Das seriell wiederkehrende Bild der »Quellnymphe«, das Raster der Bauteilfugen,
die überlagernden Fensteröffnungen und die Eckverglasungen bilden ein proportional abgestimmtes System. Die sich überlagernden Einzelbestandteile der Fassade ergänzen sich zum komplexen, mehrfach interpretierbaren »Bild«, das sowohl als Architektur als auch im Sinne der frühen Arbeiten von Frau Eicher als »CopyCollage« interpretierbar wird.

Das Thema wird durch die Arbeit im Innenraum des Eingangs variiert.

Eastsite IV
Die Häuser III, IV und VI wurden nicht in einem integralen Prozess gemeinsam mit einem freien Kunstschaffenden entwickelt. Dennoch wurden bei ihrer Konzeption künstlerische Strategien verschiedener Kunstepochen genutzt. Bei der Fassade von Eastsite IV sind
in ein dunkles Rahmensystem helle, schräge Scheiben eingestellt. Diese stehen im Kontrast zu den angrenzenden dunklen Fensteröffnungen. Das Rahmenwerk steht in direktem Bezug zu Arbeiten der Conceptual Art von Sol LeWitt und Erwin Heerich. Der Schwarz/ Weiß-Kontrast nutzt Strategien des Konstruktivismus eines Kasimir Malewitsch bzw. des Minimalismus eines Donald Judd. Die stark kontrastierten Flächen werden durch die schräg stehenden Scheiben dynamisiert. Da die Richtung der Scheiben in jedem Geschoss gegenläufig ist, entsteht ein starker, der OP-Art verwandter Effekt, der durch die Bewegung des Betrachters noch weiter gesteigert wird. Durch die gleichzeitige Anwendung
verschiedener kunsthistorischer Strategien ist es gelungen, eine Fassade zu entwickeln, deren ruhender, grafisch geprägter Charakter sich in der Bewegung stark plastisch und dynamisch verändert.

»Genesis 1 + 2« – Eastsite VI
Die Eingangshalle des Hauses beschreibt nicht nur aus funktionalen Gründen die Form einer Galerie, sondern war bereits im Entwurf für die Aufnahme eines großformatigen Bildwerkes vorgesehen, dessen stadträumliche Wirkung sich insbesondere im Dunkeln entfaltet. Das von Margret Eicher gewählte Medium der Tapisserie ist in der (Kunst-)Historie ein Symbol für
Aristokratie, Reichtum, Macht und Bildung, als künstlerisches Zitat hinterfragt die Künstlerin damit die Wirkungsmacht der Bildkommunikation in der heutigen Zeit. Sie verbindet diese barocke Form der Bildteppiche mit bekannten Motiven aus aktuellen Medienbildern
unserer Informationsgesellschaft.

»Transformer« – Eastsite VII
Noch einmal konnte Frau Eicher zu einer Zusammenarbeit beim Gebäude Eastsite VII gewonnen werden. Die Arbeit »Transformer« wird den vorläufigen Abschluss des Programms bilden. Das plastische Bildwerk der regelmäßigen, wiederkehrenden Struktur der Leiterbahnen überformt das gesamte Haus und repräsentiert die digitalisierte Arbeitswelt. Im Bereich der Eingangszone wird inhaltlich korrespondierend ein Fotobetonbild zweier ineinander verschlungener Ringer installiert. Sie symbolisieren sowohl fairen, aber harten Wettkampf als auch enge soziale Kommunikation und erweitern so das Spektrum der durch die Leiterbahnen dargestellten Arbeitswelt. Ergänzende Werke Ergänzend zu den beschriebenen stadträumlich wirksamen Arbeiten finden sich in den verschiedenen Innenräumen der Häuser diverse wichtige Kunstwerke und sogar ganze Sammlungen. Über Fenster und Verglasungen ergeben Blickbeziehungen spannende Dialoge der Werke untereinander, die in dieser Form niemals geplant waren.

Margret Eicher stammt aus Viersen/Niederrhein, studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie und
lebt heute bei Heidelberg und in Berlin. Seit 1980 war ihr Werk Gegenstand diverser Einzel- und
Gruppenausstellungen in renommierten deutschen und internationalen Museen sowie Galerien. Ihre
Arbeiten fanden Aufnahme in die Bestände diverser öffentlicher Sammlungen, wie etwa des ZKM
Karlsruhe, des DAM Berlin und des IKOB Eupen. Margret Eicher entwickelte in den achtziger Jahren
die Technik der CopyCollage, die sich unter anderem stark mit architektonischen Fragen auseinandersetzt.
Heute ist Margret Eicher vor allem durch ihre großformatigen Tapisserien und ihre digitalen
»Fälschungen« bekannt.

http://www.margret-eicher.de/

https://www.facebook.com/MargretEicher/

Andreas Freiherr von Weizsäcker (1956 – 2008) war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Er studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München, u. a. bei Robert Jacobsen,
Hubertus von Pilgrim und Eduardo Paolozzi, bei dem er sein Diplom machte. 1984 – 1990 war
er Assistent am Lehrstuhl für freie Bildhauerei bei eben diesem und hatte ebenda 1986 – 1989 einen
Lehrauftrag für Papier und freie Bildhauerei. 1988 war er als Stipendiat des Deutschen Akademischen
Austauschdienstes u.a. in New York und San Francisco. Es folgten Gastprofessuren in den Bereichen
Skulptur, Papier und Recycling an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg. Seit 2001 Professur
an der Akademie der Bildenden Künste in München. 2007 wurde er zum Prorektor der Akademie
ernannt, erlebte aber die darauf folgende Akademie-Präsidentschaft nicht mehr.